LOG_X Autor als Gastkolumnist bei ECONO

Eine Kolumne ist, so eine Definition, „so etwas wie ein größerer Leserbrief“. In der aktuellen Ausgabe des Magazins ECONO äußert der Autor des eBooks Vom Markt zum Markt – reloaded in der Rubrik Standpunkt sehr pointiert seine Meinung. Wir zitieren: „Zu langsam, zu wenig am Markt orientiert, zu sehr in die eigene Lösung verliebt: Innovationslotse Dr. Christoph Dill bringt auf den Punkt, warum so viele Projekte scheitern. Und er erläutert, wie man im Garten lernt, was man besser machen kann.“

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Der digitale Samurai  ein Gespräch mit Richard Keegan, Teil II

Im ersten Teil des Gesprächs ging es u.a. um die berühmte Vorlage "Die fünf Ringe" von Miyamoto Musashi und der Frage, was dies mit dem Thema des eBooks "Die fünf Ringe der Lean Business Excellence" zu tun habe. Hier folgt nun der zweite Teil des Gesprächs.

LOG_X: Wir sind zuletzt etwas abgeschweift…

Richard Keegan: In der Tat. Zurück zu Lean: Menschen sind mehr als Atome, Moleküle und Zellen. Und Lean ist mehr als die Mechanik seiner Methoden. Exzellenz hat, wie ich in meinem Buch feststelle, sehr viel mit Respekt und mit Selbstachtung zu tun – mit einem positiv belegten Begriff von Ehre. Nämlich der Ehre desjenigen, der Wasser aus einem Brunnen schöpft, ohne diesen anschließend zu vergiften.

Wohlgemerkt, zur wahren Meisterschaft gehört natürlich die Beherrschung der Werkzeuge und Methoden. Aber das ist nur einer der „fünf Ringe“. Die anderen Ringe heißen Vision, Struktur, Menschen und Prinzipien, zu denen eben der Respekt gehört. Diese fünf Themen – und die darin jeweils enthaltenen fünf Elemente – müssen ausbalanciert werden. Als Manager neigen wir dazu, immer ein Thema zu priorisieren und die anderen zu vernachlässigen. Damit schaden wir dem Ganzen enorm, weil das Gleichgewicht verloren geht…

LOG_X: …und ein gut ausbalanciertes Gleichgewicht ist nicht nur für Schwertkämpfer wichtig, wenn sie Hieben ausweichen oder selbst einen Treffer setzen wollen.

Aber vom alten Samurai zurück in die Gegenwart. Wir leben in einer hektischen Zeit. Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern. Heute und morgen kommt die Digitalisierung über uns. Was können uns dabei Ihre fünf Ringe nützen?

Richard Keegan: Witzig, dass Sie gerade auf dieses Thema kommen. Gemeinsam mit einem Kollegen plane ich nämlich derzeit ein Buch zu „Digital Lean“. Wir diskutieren sehr intensiv darüber, was uns die Digitalisierung wirklich bringen kann.

Einig sind wir uns darin, dass wir die Digitalisierung kreativ dafür nutzen sollten, unsere Wertschöpfungsprozesse weiter zu verbessern. Was gar nicht so einfach ist. In der Praxis treffe ich immer wieder auf begeisterte Techniker, die in ihrer Fabrik alle Daten sammeln, die sie irgendwie bekommen können. Teilweise für teures Geld, mit ausgefeilten Instrumenten. Doch selbst mit einer zutreffenden Analyse der Datensätze sind die möglicherweise existierenden Probleme noch lange nicht behoben. Damit aber laufen wir Gefahr, unseren Blick für die Prozesse und deren Verbesserung zu trüben und Komplexität zu erzeugen, wo bisher Klarheit herrschte.

Oder, um nochmals die eingangs gewählte Analogie zu bemühen: Wir erzeugen jede Menge Lärm und beklagen, dass wir allmählich taub werden. Ohne Frage hilft uns die Besinnung auf die Basics gerade im Fall der Digitalisierung, besser mit der neuerlich explodierenden Komplexität zurecht zu kommen.

LOG_X: Sie meinen also, dass die Lehre des Samurai Musashi auch einen Cyberkämpfer mit Laserschwert zur Meisterschaft führen könnte?

Richard Keegan: So ungefähr jedenfalls (lacht).

LOG_X: Wir werden das beobachten und Sie gelegentlich wieder fragen. Einstweilen vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Gerhard Spengler

Der digitale Samurai  ein Gespräch mit Richard Keegan

LOG_X: Richard, in Ihrem demnächst auf Deutsch erscheinenden Buch „Die fünf Ringe der Lean Businesse Excellence“ beziehen Sie sich auf eine berühmte Vorlage. „Die fünf Ringe“ von Miyamoto Musashi beschäftigt sich mit fundamentalen Tugenden des Schwertkampfes. Was hat das mit Ihnen und Ihrem eigentlichen Thema Lean zu tun?

Richard Keegan: Der ursprüngliche Auslöser für meine Befassung mit Musashi war mein damaliges Alter. Ich bekam sein Buch in die Hände, als ich Mitte 50 war und begonnen hatte, über meine bisherige berufliche Laufbahn nachzudenken. Meine erste Erkenntnis war, dass gerade in der vermeintlichen Einfachheit der „fünf Ringe“ eine tiefe Wahrheit steckt.

Jahrzehntelang hatte ich Leuten zugehört, die komplexe Dinge über komplexe Ideen von sich gaben. Übertragen auf die Akustik kann man diese grassierende Komplexität als eine Art Lärm bezeichnen, der uns von morgens bis abends beschallt. Ständiger Lärm macht Menschen krank und bewirkt, dass man kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann. Man beginnt, sich zu verzetteln und den Überblick über das eigene Handeln zu verlieren.

In den klaren Aussagen der „fünf Ringe“ erkannte ich eine Möglichkeit, die überkomplexe Wirklichkeit auf einfache Grundlagen zurückzuführen – von denen aus komplexe Zusammenhänge wieder neu erkennbar und erklärbar waren. In einer Analogie lässt sich das mit einem Gebäude vergleichen, das auf einem einfachen, aber stabilen Fundament ruht, welches die Architektur nicht einschränkt, aber für die gesamte Statik unerlässlich ist.

Die „fünf Ringe der Lean Business Excellence“ stellen für mich ein solches Fundament für unternehmerische Spitzenleistung dar. Wenn diese Basis fehlt oder wackelt, wird man kaum jemals zur Meisterschaft gelangen – womit wir wieder bei den Gedanken von Miyamoto Musashi sind. Unternehmer und Manager sind zwar keine Schwertkämpfer, aber es geht auch bei Ihnen um sehr viel. Nämlich um die Verantwortung für ein Unternehmen und die dort arbeitenden Menschen. Besser, die täglich zu treffenden Entscheidungen stehen auf sicherem Grund. Gerade bei Lean war und ist es so, dass man sich in den komplexen Details verzettelt, anstatt die Grundlagen zu beherzigen. Dann bleibt der Erfolg aus.

Richard Keegan 5 Ringe der Lean Business Excellence

LOG_X: Musashi stellt fest, dass es beim erfolgreichen Schwertkämpfer nicht nur auf die virtuose Beherrschung der Kampftechnik ankommt, sondern vor allem auf die mentale Einstellung, den „Geist“ oder „Spirit“. Lässt sich auch das auf unsere Geschäftswelt übertragen?

Richard Keegan: Unbedingt. Und dabei spreche ich keine esoterischen Fragen an, sondern bleibe beim objektiv beobachtbaren Spirit. Meine Wahrnehmung ist, dass deutsche Unternehmen und Unternehmer stark in der Gesellschaft verankert sind und sich dieser Gesellschaft verpflichtet fühlen.

Ich verwende in diesem Zusammenhang gerne das Wort „kümmern“ (caring). Der Begriff wird im geschäftlichen Umfeld kaum gebraucht, obwohl er zentrale Bedeutung hat. Wer sich nicht intensiv um sein Unternehmen, um die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter und Kunden, um seine Mitbürger und deren Lebensumstände kümmert, hat jeglichen Bezug zu seiner eigenen Basis verloren. Wer so handelt, zerstört auf lange Sicht nicht nur seine eigene Existenzgrundlage, sondern den gesamten Planeten.

Auch Musashi kommt auf diese Dinge zu sprechen, wenn er vom „Bushido“, dem Sittengesetz der Samurai berichtet. In der europäischen Kultur sind Themen wie Hilfsbereitschaft und Achtsamkeit ebenfalls tief verwurzelt. In den Ritterorden des Mittelalters waren sie untrennbar mit den Vorstellungen von Würde und Ehre verbunden. Wer sich nicht kümmerte, war ehrlos.

LOG_X: Vielleicht hilft uns die aktuelle Debatte um „Achtsamkeit“ ja, uns hier auf verloren gegangene Tugenden zu besinnen?

Richard Keegan: Hoffen wir’s (lacht). Wobei ich einen Teil dieser Tugenden im „Spirit“ vieler deutscher Unternehmen, wie gesagt, durchaus noch zu erkennen glaube (Ende von Teil 1 des Gesprächs, wird fortgesetzt). 

Die Fragen stellte Gerhard Spengler

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